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Der dritte Weg - Jugoslawien

Der Balkan, eine geographisch unklar umrissene Region im Südosten Europas, war das Territorium, wo sich Jahrhunderte lang die Grenzen der drei Imperien – der Donau-Monarchie, des Osmanischen Reiches und Russlands – begegneten. Erst durch die Schwächung des Osmanischen Reiches konnten die Ansprüche der Südslawen auf die Eigenstaatlichkeit allmählich realisiert werden. 1918 wurde das erste gemeinsame Königtum der Serben, Kroaten und Slowenen, seit 1920 (Alt-)Jugoslawien, begründet. Am Ende des Zweiten Weltkrieges, als die alten Grenzen und Einflussgebiete revidiert wurden, beanspruchte der Partisanenführer Josip Broz Tito dieses Territorium für sich. Mit Hilfe einer

durchdachten Medienpolitik baute er eine neue Macht auf, die bald in der internationalen Politik eine wichtige Rolle zwischen den Polen des Gleichgewichts des Schreckens von Ost

und West zu spielen begann.

Bis zu seinem Bruch mit Stalin 1948 war der politische Werdegang von Josip Broz Tito – wie der fast aller Kommunisten in Europa – aufs Engste mit der Sowjetunion verbunden. Nach der russischen Kriegsgefangenschaft von 1915 bis 1917 als österreichisch-ungarischer Soldat im Ersten Weltkrieg waren die wichtigsten Stationen auf diesem Weg der Beitritt zur KPdSU 1918, der Eintritt in die Rote Armee und die Heirat mit der sowjetischen Kommunistin Pelageja Belousova 1920, mit der er in demselben Jahr nach Jugoslawien zurückkehrte. Als Mitglied der neu gegründeten Kommunistischen Partei Jugoslawiens, ab 1937 als ihr Generalsekretär, reiste er öfters nach Moskau. In der zweiten Hälfte der 1930er Jahren gelang es ihm, nicht nur mehrere Säuberungswellen unter den jugoslawischen Kommunisten in der Sowjetunion unangetastet zu überstehen, sondern er wurde sogar zum Generalsekretär der KPJ ernannt. Aufgrund seiner Führungsrolle im militärischen Widerstand gegen die nationalsozialistische Okkupation war ihm die Rolle des Verhandlungspartners für die Nachkriegslösung der Territorialfragen auf dem Balkan zugewachsen. Erst Meinungsverschiedenheiten über die Rolle Jugoslawiens in der Außenpolitik, insbesondere über (die geplante Gründung eines Balkanpaktes) führte am 28. Juni 1948 zum Ausschluss Jugoslawiens aus dem Kominform – am symbolgeladenen St. Veits-Tag, an dem das mittelalterliche Serbien im Kampf gegen das Osmanische Reich die große Niederlage auf dem Amselfeld erlitten hatte. In der Resolution des Imformbüros, am folgenden Tag in Pravda veröffentlicht, wurden Tito unter anderem kapitalistische Methoden, „trockistische“ Propaganda gegen die Sowjetunion und die Abweichung von der „richtigen Linie“ des Marxismus-Leninismus vorgeworfen. Der jugoslawische Staat sei, so die Einschätzung des Informbüros, eine „Entartung“, „ein schändliches, gänzlich türkisches, terroristisches Regime“. Als Antwort darauf warf das Zentralkomitee der KPJ der Sowjetunion – dem ersten und ältesten sozialistischen Lande – umgekehrt die Erstarrung, die Anwendung von „fertigen Rezepten“ und „Schablonen“ vor. Stalin wurde die schöpferische Kraft abgesprochen, die nun augenscheinlich auf Tito übergegangen war. Diese Strategie war nicht originell: Bereits Stalin hatte sich der sowjetischen Öffentlichkeit als die bessere Kopie Lenins präsentiert.

Durch die Wiederbelebung historischer Diskurse – wie des russischen Asien-Mythos (Tataren-Joch, Autokratie, Plünderungen) – wurde die Sowjetunion dem Leser der Broschüre der KPJ Tito contra Stalin. Streit der Diktatoren in ihrem Briefwechsel (Hamburg 1949) als rückständiges, notwendig reaktionäres Land präsentiert, das die Rolle des Pioniers bei der Durchführung des Kommunismus nicht mehr tragen könne. Durch die Historisierung und Relativierung des kommunistischen Propaganda-Diskurses wurde die sowjetische Spur des Imperialen verwischt und an einem anderen Ort in Raum und Zeit neu gelegt. Sie verlief von nun an retrograd, zeitlich in die geschichtliche Vergangenheit weisend, räumlich aus dem Zentrum in die Peripherie. Auf der theoretischen Ebene wurde die Führungsrolle Jugoslawiens gegenüber der Sowjetunion durch ein neues, von Edvard Kardelj erarbeitetes Grundgesetz über die „Arbeiterselbstverwaltung“ (samoupravljanje) bekräftigt – einer fortgeschrittenen Form des Kommunismus mit dem bereits geschwächten, „absterbenden“ Staat.

Bereits in den frühen 1950er Jahren wurde in Jugoslawien ein post-stalinistischer Diskurs der Historisierung geführt – also parallel zum Stalinismus in der Sowjetunion und im „Ostblock“. Während Vjačeslav Molotov dort einen Zustand vergangener Zukunft ausrief, indem er die von Lenin prophezeite Übergangsperiode auf dem Weg zum Kommunismus für vollendet erklärte, bemühte man sich in Jugoslawien, die neu entstandene Situation in Russland stets mit Hilfe des dialektischen Materialismus „historisch“ vor der Folie der russischen Geschichte auszuleuchten (vgl. Milovan Đilas, Auf neuen Wegen des Sozialismus. Rede vor Belgrader Studenten am 18. März 1950, Belgrad 1950). Die aus Not entstandene politische Situation nützte Jugoslawien für sich, um sie als „einen neuen Weg“ zu deuten, „den bis heute kein einziges sozialistisches Land beschritten habe“. Jugoslawien stellte sich in dieser „schicksalshaften historischen Situation“ neben der UdSSR – des ersten und ältesten sozialistischen Landes, des Pioniers im Kampf um den Aufbau des Sozialismus – durchaus als alternative Führungsmacht dar.

Vladimir Dedijer, Mitglied des jugoslawischen Zentralkomitees, veröffentlichte 1953 in West-Berlin und in London eine autorisierte Biographie Titos (Tito. Autorisierte Biographie, Berlin; Tito speaks, his self portrait and struggle with Stalin, London), in der er ihn „das Gewissen Stalins, das Gewissen, das Stalin verloren hat“ nannte. Jene Diskursivierung des „Imperiums“, die in der Sowjetunion unterdrückt wurde, erfolgte in Jugoslawien öffentlich, ja vor einem internationalen Publikum. Die als „vertraulich“ gekennzeichnete Streitkorrespondenz zwischen Tito und Stalin wurde nicht nur in der Belgrader Zeitung Borba veröffentlicht, sondern auch ins Deutsche übersetzt. In deutscher Sprache sollte sie sowohl für Westeuropa als auch für die westslawischen bzw. ehemals zur Donaumonarchie gehörenden Völker verständlich sein. Die imperialen Ansprüche der Sowjetunion, die dort indirekt geäußert bzw. gezeigt wurden, sich verhüllt an der Schnittstelle zwischen den verbalen und non-verbalen Medien ergaben, wurden in Jugoslawien durch eine als unzensiert inszenierte Debatte zum Gegenstand einer scheinbaren Entlarvung. Die Bekanntmachung der geheimen politischen Akte verhalf Jugoslawien im Westen zu einem demokratischen Image, im Lande selbst verbreitete sie die Angst, dass im Falle einer stalinistischen Revanche nicht nur die politischen Häupter, sondern die ganze Nation die Schuld der Führung mitzutragen hätte.

Obwohl sich die Beziehungen zwischen dem sowjetischen Imperium und dem kleinen Vielvölkerstaat nach Stalins Tod und Chruščevs Besuch in Jugoslawien 1955 wieder schnell normalisierten, sind die wenigen Jahre zwischen 1948 und 1953 für die Suche nach den Spuren des Imperialen in der Sowjetunion sowie in der internationalen Debatte von besonderer Bedeutung. Meisterhaft verstand es Tito, durch den Gestus historischer Aufklärung die eigene Diktatur nach innen und außen zugleich zu festigen und zu verschleiern. Gerade indem sich Tito von Stalin absetzte, wurde er zum anderen, ja wahrhaften Stalin, der, mindestens nach innen, den gleichen imperialen Anspruch durchsetzte. Ohne die Unterschiede zwischen Jugoslawien und dem „Ostblock“ zu vernachlässigen, hat die jüngere Geschichtsschreibung doch auch herausgestellt, dass zahlreiche Elemente im Aufbau von Titos „Experiment“ vom Stalinismus abkopiert waren. Gerade in der Zeit der stärksten äußeren Abgrenzung von der Sowjetunion wiesen Titos Regierungspraxis und Medienpolitik auffällige Parallelen zu dem sowjetischen Ur- bzw. Vorbild auf, etwa:

1. beim Entwurf der Staatsymbole

2. bei der Organisation der Geheimpolizei OZNA (1944-1946) bzw. UDBA (1946-1991)

3. beim Umgang mit den jugoslawischen „Trockisten“ in inszenierten Schauprozessen (der sog. „Dachauer Prozess)

4. bei der Gründung des jugoslawischen „Gulags“ (1949-1963) auf den Inseln Goli otok, Sveti Grgur u.a. (Zwangsarbeit in Steinbrüchen, Folterungen der Inhaftierten durch andere Inhaftierte)

5. bei der Durchführung der Bodenreform (Nationalisierung) und in der Durchsetzung des Fünfjahrplans zur Industrialisierung

6. in der Vielvölkerpolitik

7. in der Gestaltung der Pionierorganisation

8. im Aufbau des „Führerkultes“ (mit all seinen Facetten wie urbanistischen Eingriffe in alte Stadtstrukturen, der Benennung neuer Industrie- und  „Helden“-Städte und von Strassen nach Tito, öffentlichen Ritualen, darunter die Veröffentlichung der Briefe an Tito in der Presse, Tito-Lieder, öffentliche Feiern zu Titos Geburtstag, die Bild-Politik: Tito-Porträts, Dokumentar- und Spielfilme über Tito etc.)

9. in der Medienpropaganda und Agitation

Tito setzte in den 1950er Jahren seinen „dritter Weg“ in der Außenpolitik fort: 1953 wurde der Balkanpakt mit Griechenland und der Türkei gegründet, 1954/55 mit Nehru und Nasser die Blockfreiheit gemeinsam deklariert. Auf diese Art präsentierte sich Jugoslawien der Weltöffentlichkeit weder als ein sowjetischer Satellitenstaat noch als ein abgespaltener Fraktions-Staat, sondern als ein neues, eigenständiges, sich zwischen Ost und West etablierendes Gebilde. Die westeuropäische und amerikanische Öffentlichkeit sah in Jugoslawien – mindestens bis zur Erscheinung von Milovan Đilas’ „revidiertem Porträt“ Titos – eine „humanere“ Variante des Kommunismus.