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Satellitenstaaten

Gerade die nach dem Zweiten Weltkrieg durch das hegemoniale Ausgreifen der UdSSR erstmals unter kommunistische Herrschaft geratenen Staaten Mittel- und Osteuropas sind ein viel versprechendes Untersuchungsfeld. Gemeinsam ist einigen von ihnen eine historische Entwicklung, die bereits vor der Einbeziehung in den Machtbereich der UdSSR schon in der Frühen Neuzeit bzw. spätestens seit dem 19. Jahrhundert Traditionen imperialer Überschichtung aufweist. Dabei rückt die Frage nach der Implementierung des „fremden“ Systems und nach den Formen der Anverwandlung (politisch, sozial, national, kulturell) in den Mittelpunkt des Interesses. Zugleich sind aber viele der politischen Kulturen Ostmitteleuropas durch einen Status der „Semi- bzw. Binnenimperialität“ gekennzeichnet, der aufgrund jüngerer bzw. älterer historischer Konstellationen die Beziehungen zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen dieses Raumes prägt. Zu nennen wäre hier etwa das imperiale Ausgreifen der polnisch-litauischen Adelseliten auf die litauischen, ukrainischen und weißrussischen Territorien seit der Frühen Neuzeit. Einen imperialen Binnendiskurs kann man im 19. und 20. Jahrhundert in den ungarisch-slowakischen bzw. den tschechisch-slowakischen Beziehungen beobachten, der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im erstgenannten Fall aufgrund von Zwangsmigrationen beendet wird, im tschecho-slowakischen Fall jedoch auch nach dem Zweiten Weltkrieg weiterhin virulent bleibt. Das Weiterwirken solcher aktiv gemachter bzw. passiv erlittener imperialer Erfahrungen ist auch nach der Implementierung eines neuen imperialen Rahmens nach dem Zweiten Weltkrieg ein interessanter Untersuchungsgegenstand.

 

Die oben bereits angesprochene Spezifik unterschiedlicher imperialer Erfahrungen im ostmitteleuropäischen Raum sowie die besondere Stellung als eine Art „Semiperipherie“, deren Selbstverortung weniger einen eigenen imperialen Entwurf bzw. Gegenentwurf zu anderen „europäischen“ Mustern implizierte, sondern ein Einschreiben in größere Zusammenhänge – seien sie „europäisch“ oder „sowjetisch“ – lassen erwarten, dass die hier zu untersuchenden Rahmungen besondere Eigenschaften aufweisen werden. Besonders interessant erscheinen vor diesem Hintergrund Vermischungen sowjetimperialer und eigener älterer symbolischer Praktiken wie sie etwa in den militärisch inszenierten Aufmärschen und Umzügen zum Tragen kamen. Zu denken wäre hier etwa an die Vereidigung der exilpolnischen Kościuszko-Division in der UdSSR im Jahr 1943, deren Analyse ein Ensemble von Zeichenpraktiken offenbart, die sowohl sowjetische als auch ältere (nationalpolnische, katholische, „volkstümliche“) Muster erkennen lassen. Eine Analyse der militärischen Aufmärsche in der Nachkriegstschechoslowakei würde sicher eine vergleichbare „métissage“ zutage treten lassen zwischen der Nachahmung sowjetischer Praktiken und Rahmungen, die an die symbolischen Praktiken der tschechischen Legionen im Ersten und Zweiten Weltkrieg anknüpfen. Mit diesen Beispielen wird bereits ein – besonders für Ostmitteleuropa relevantes – Untersuchungsfeld abgesteckt: nämlich die Frage der Positionierung zum „Eigenen“ und zum „Fremden“, eine Positionierung, die durch die zahlreichen revisionistischen Kampagnen, die seit Mitte der fünfziger Jahre in den politischen Diskursen in allen Staaten der Region immer wieder bis 1989 ihren Niederschlag fand und die damit auch die Analyse der jeweiligen nichtdiskursiven Rahmungen dieser Diskurse nahe legt.

Die Frage nach den Spuren des Imperialen richtet dabei auch den Focus auf die Praktiken, derer sich die politischen Akteure bedienten, um ihre Herrschaft zu kommunizieren. Entgegen totalitarismustheoretischer Ansätze soll auch vor allem die Kommunikation zwischen Herrschenden und Beherrschten untersucht werden und Herrschaft als wechselseitiger Prozess verstanden werden. Dass sich die Akteure dabei spezifischer symbolischer Praktiken bedienen, die aus dem Arsenal der sowjetischen Hegemonialmacht stammen, erscheint dabei besonders interessant. Sie lässt vermuten, dass es zur Herrschaftsstabilisierung auch in der poststalinistischen Zeit sinnvoll erschien, anscheinend neue, „reformierte“ Politikinhalte mit bereits bekannten symbolischen Praktiken zu „umrahmen“. Diese waren in sich wiederum durchaus widersprüchlich, die Spezifik der jeweiligen Rahmungen erwuchs aus der Auswahl zeitlich und politisch-kulturell unterschiedlich zu verortender Stile. Interessant ist der Focus auf diese Region auch, da die dort ablaufenden Stalinisierungs- und Destalinisierungsprozesse nicht parallel stattfanden, sondern sowohl in ihrer zeitlichen Anordnung als auch in der jeweiligen Tiefe der Umgestaltungen deutliche Unterschiede aufwiesen. Es wird zu fragen sein, ob diese Unterschiede auch in den zu beobachtenden symbolischen Praktiken ihren Niederschlag fanden bzw. ob offensichtliche Asymmetrien in der Entwicklung durch spezifische symbolische Rahmungen der jeweiligen Bevölkerung kommuniziert wurden.

Für Ostmitteleuropa bietet sich als Ausgangspunkt die Phase des Stalinismus an, die für die

Staaten dieser Region vom Ende der vierziger Jahre bis 1953 (Tod Stalins, Aufstand in der

DDR) bzw. 1956 („Polnischer Oktober“, Ungarnaufstand) zu verorten ist. Weiterhin rücken

die Prozesse der "Entstalinisierung" in den Focus des Interesses: Hier ist die Beobachtung

interessant, dass es in Ostmitteleuropa zu einer zweifachen „Entstalinisierung“ kam, nämlich in den späten 1950er Jahren nach den oben genannten Schlüsselereignissen, sowie in den 1980er Jahren. Diese zweite „Entstalinisierung“ schloss sich an die „Restalinisierung“ in den 1970er Jahren an. In diesem Jahrzehnt kam es nämlich zu einer ideologischen Verhärtung in den Staaten des Ostblocks: so wurden etwa neue Verfassungen erlassen, in denen z. B. die führende Rolle der Partei festgeschrieben und die „Freundschaft“ mit der UdSSR ausdrücklich erwähnt wurde. Gleichzeitig ist für diesen Zeitraum jedoch eine Liberalisierung im Bereich der Wirtschafts- und der Konsumpolitik zu beobachten. Gerade für diese widersprüchlichen Entwicklungen der späten 1960er und 1970er Jahre könnte die Untersuchung des Weiterwirkens imperialer symbolischer Praktiken neue Aufschlüsse über

den Charakter der Herrschaft, ihrer Vermittlung sowie ihrer Akzeptanz bei den „Beherrschten“ geben. So wäre etwa nach der Rolle „imperialer Verfahren“ in diesem - bezeichnenderweise „Normalisierung“ genannten – Zeitraum zu fragen. Die scheinbare innere Widersprüchlichkeit gesellschaftlicher, politischer und kultureller Entwicklungen wurde nicht selten von (nichtintendierten?) Rückgriffen auf ältere Stile geprägt. Als Endzäsur bietet sich der Tod Brežnevs im Jahr 1982 an, in dessen Amtszeit eine verstärkte Reglementierung des kulturellen Lebens mit einer vorsichtigen Rehabilitierung Stalins einhergegangen war.

Die möglichen Untersuchungsfelder der Region Ostmitteleuropa ähneln den für die anderen Regionen zu benennenden Felder: Massenlieder, Umzüge, Fest- und Feiertagskulturen, Stilisierung des „Parteikörpers“, Stilmischungen im Nachkriegeswiederaufbau, Kampagnen des „Antikosmopolitismus“ etc. Gerade bei den beiden letztgenannten Untersuchungsfeldern scheinen die oben erwähnte semiperipheren bzw. die historischen binnenimperialen Konstellationen einen besonderen Untersuchungsrahmen zu schaffen, der im Vergleich etwa zur Sowjetunion divergierende Ergebnisse erwarten lässt.