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UdSSR

Mit Blick auf das Problem des Imperialen stellt derjenige Kulturraum, den man (philologisch) als ‚ostslawisch‘ bezeichnen könnte, besondere Probleme dar. Diese Probleme sind aber für den gesamten sich herausbildenden ‚Ostblock’ nach dem Zweiten Weltkrieg prägend, und zwar nicht nur aufgrund der Propagierung der russischen Sprache.

Die rein geographischen bzw. geopolitischen Grenzen zu Kulturen, welche alternative imperiale Konzeptionen entwickeln und praktizieren (Deutsche, Tataren, Polen-Litauen, Osmanen, Schweden) prägen natürlich das besondere ‚moskowitische’, dann ab dem 18. Jahrhundert das Petersburger Modell des multinationalen imperialen Gebildes.

Forschungsgeschichtlich einschlägig sind alle Ansätze, welche die russische „Historiosophie“ bzw. „Kulturosophie“, (Dirk Uffelmann, Die russische Kulturosophie. Logik und Axiologie der Argumentation, 1999) insbesondere hinsichtlich des ‚Westens’, betreffen. Denn sie tangieren Begründungen russisch-imperialer Konzeptionen, seien sie „slawophiler“ oder „westlicher“ Ausprägung; sie tangieren um so mehr die diskusiven und nicht-diskursiven Repräsentationsstrategien dieser Konzeptionen (mit Blick auf den Stil: ‚slawisierend’, ‚modernisierend’, ‚gesamtzivilisatorisch-klassisch’, usw.). Es geht hier v.a. um das Erbe der Ideologiebildungen des 19. Jahrhunderts, welche den Rahmen abgesteckt haben, in dem sich die imperialen Aktionen und Repräsentation des 20. Jahrhunderts abspielen. Das betrifft sowohl die Erstellung des ‚internen Imperiums’ mit Blick auf Regionen wie der Ukraine, den Kaukasus, Sibirien, das Baltikum usw. als auch imperiale Vektoren und Projektionen ins, Preußische, Habsburgische, Osmanische, Chinesische usw. hinein.

Eine völlig neue - und für unser Vorhaben unmittelbar einschlägige - Qualität kommt dem Imperialen mit der Gründung des bolschewistischen ‚antiimperialen Imperiums’ zu, insbesondere nach der antibolschwistischen stalinistischen Wende Ende der 20er Jahre. Es kommt hier auch zu einem neuartigen Pendeln zwischen dem „Slawischen“ und dem „Westlichen“. Das Imperiale des Stalinismus nimmt wiederum in der Nachkriegszeit spezifische Züge an, was natürlich zum Teil auf die politische Lage zurückgeführt werden kann, aber auch andere Gründe und Konturen hat, insbesondere, was das Verhältnis zwischen dem russisch-nationalen und dem transnationalen betrifft.

Gerade hier werden latente (unbewusste und halbbewusste) Unterströmungen der imperialen Bestrebungen durch Zeichenpraktiken an der Grenze zwischen dem Diskursiven und dem Nicht-Diskursiven (bzw. dessen nichtdiskursiven Rahmungen) manifest. Das, was Žižek mit Blick auf die nicht-diskursive Ausdrucksformen der generellen politischen Unterdrückung feststellt, kann auch in diesem Bereicht betrachtet werden, denn die imperialen Zeichen des ‚antiimperialen Imperiums’ können nur in diesem Feld in Erscheinung treten.

Charakteristisch für das spezifisch Stalinistisch-Sowjetische, insbesondere in der Spätphase, sind die Diskussionen und Praktiken, die sich um den sog. kosmopolitizm bewegen. Bisher ist zu Recht festgestellt worden, dass der Nachkriegs-Antisemitismus des stalinistischen Regimes mit einem ‚Euphemismus’ bedient wird. Die Bedeutung dieser Kampagne geht aber weit darüber hinaus: Die Argumentation bzw. der ‚wissenschaftliche Kampf’ gegen den „Kosmopolitismus“ wird zu einer Art Leitwissenschaft des Nachkriegsstalinismus, auch und v.a. in seiner Übertragung auf andere Kulturen. Deutliche Spuren machen sich beispielsweise in den Wissenschaftskampagnen um 1950 in der Tschechoslowakei bemerkbar, insbesondere in der Kampagne gegen Roman Jakobson. 

Das Schicksal dieser Kampagne und der – z.B. lexikographische – Umgang mit dem Begriffsfeld um kosmopolitizm in der Chruščev- und der Brežnev-Zeit ist äußerst aufschlussreich, denn hier machen sich Kontinuitäten über politische Brüche hinweg bemerkbar. Strategien der Darstellung des kosmopolitizm innerhalb des ‚Ostblocks’ und darüber hinaus wären ein sehr ergiebiger Gegenstand eines Teilprojektes

Folgende Unterthemen, neben dem er „Diskurs um den Kosmopolitanismus“  können genannt werden:

  • Marr – Wiedergburt der Slawistik (Thema Philologie als Teil der Nachkriegs-Ordnung der [‚Geistes’]Wissenschaft)
  • Das Schicksal des Massenlieds (Komposition, Aufführung und Verwaltung) bis 1945, im Zweiten Weltkrieg und dann nach dem Zweiten Weltkrieg (Thema/Verfahren der multimedialen Einrahmung der Ideologisierungspraktiken)
  • Mediale Positionierung der Raumfahrt, die sich im Gagarin-Kult nach 1961 zuspitzt und nach dem Machtwechsel von Herbst 1964 eine aufschlussreiche Wende nimmt (Thema praktische Umsetzung der Wissenschaft und deren Repräsentationen)

Im Jahre 1950 wird die Sprachtheorie des Nikolaj Marr, die bisher in der UdSSR dominierend war, in einer Schrift Stalins mit dem Titel „Marxismus und Fragen der Sprachwissenschaft“ desavouiert, und die Kampagne gegen des „Marrismus“ wurde für den gesamten sich herausbildenden „Ostblock“  verbindlich. Alle Wissenschaftler im Ost- und Ostmitteleuropa hatten pflichtmäßig die „Genialität“ der Stalinthesen festzustellen und ‚anzuwenden’.  Im Falle des Untergangs des „Marrismus“ geht es um das entgültige Ersetzen des internationalistischen Imperiums mit einem solchen, der auf einer zwar noch ‚weltrettender’, aber dezidiert nationalen Programatik aufgebaut ist. Formationen, die sich gegen Nationalphilologien stellen, werden zumindest implizit oder gar explizit als „Kosmopoliten“ gebrandmarkt. Weitere Konturen des ‚falschen Internationalismus’ werden dadurch sichtbar, und das National-Russische (bzw. das dominierende Ostslawische) des Imperiums als (Sprach-)Familie wird dokumentiert. Das Schicksal dieser Wende in der Wissenschaft – als nicht-diskursive, institutionelle Rahmung der Diskurse – in der Chruščev- und Brežnev-Zeit ist ebenso aufschlussreich, denn es zeigt sich, dass sich kulturelle Kontinuitäten über die politischen Brüche hinweg gerade im russisch-ostslawischen Fall bemerkbar machen oder dass sich ganz andere Bruchlinien auftun.

Das Lied und sein (medialer, institutioneller) Transport in die Öffentlichkeit hinein ist ein Paradebeispiel einer effektiven Grenze zwischen dem Diskursiven und dem Nicht-Diskursiven.  Das Massenlied stalinistischer Prägung wird in der sowjetischen Musikologie schon in den 30er Jahren an die Spitze des Musik-Kanons katapultiert und damit eine bestimmte Textrahmung privilegiert. Die Übertragung dieses Prozesses auf Kulturen wie z.B. die tschechische und die slowakische nach dem 2. Weltkrieg und der Wissenschaftsdiskurs, der diese Übertragung begleitet (hier wird zum Beispiel die Zeitschrift Sowjetskaja muzyka sklavisch und sehr häufig zitiert) ist ein weiteres Beispiel für eine Positionierung der ostslawischen Kulturen als Ausgangspunkt für die ‚Erziehung der kommunistischen, slawisch-zentrierten Familie’, welche für das erste Nachkriegsjahrzehnt charakteristisch ist, aber ebenfalls über alle politischen Brüche hinweg bis zum Ende der Sowjetunion bestehen bleibt.

Alle genannten Themen bieten nicht nur interessante komparativistische Perspektiven, sondern hinterlassen spannende Spuren in der Gegenwart, insbesondere das Gagarin-Thema, was man am ungewöhnlich aufwändigen Gedenken des immerhin nur halbrunden 45. Jahrestags im April 2006. In gewisser Weise ist der Gagarin-Kult ein Belegt dafür, dass die Opposition zum kosmopolitizm auch in der Chruščev-Zeit durchaus bestehen bleibt, was sich nach dem Machtantritt Brežnevs 1964-1965 verdeutlicht. Ein Bild- und Text-Band, der kurz vor Brežnevs Tod zum 20. Jahrestag des Gagarin-Flugs erschienen ist, heißt Syn Rossii (Ein/Der Sohn Russlands). Eine Botschaft der nicht-diskursiven Gagarin-Zeichen ist, dass der lächelnde ‚gute Russe‘ mit dem Erfolg des sowjetischen Systems und somit mit dem „russischen Wunder“ gleichzusetzen ist. Wie eine Hagiographie ist auch Gagarins (teilweise angeblich selbstgeschriebenes) curriculum vitae gestrickt. Als Beispiel kann das Gagarin-Kapitel des in der DDR 1964 erschienenen Bandes Oktobersaat genannt werden. Es schließt mit der lügenhaften Selbstdarstellung, wie der Autor mit der Kapsel gelandet ist (er ist bekanntlich in 4 km Höhe mit dem Fallschirm abgesprungen) und von russischen Frauen begrüßt wurde. Diese Inszenierung des überfliegenden und dann auf heimatlicher Erde landenden Russentums ist buchstäblich emblematisch.

Auch die sonderbare Verbindung des Russentums mit einer bestimmten ‚national-marxistischen’ Art von Wissenschaftlichkeit, was sich schon im Falle Marr gezeigt hat, ist im Fall Gagarin symptomatisch.

Zahlreiche Bücher und Berichte von Gagarins erstem Auslandsbesuch in der ČSSR noch im gleichen Monat April sind eine weitere Quelle des (buchstäblichen) Übertragens des Russisch-Sowjetischen auf ein privilegiertes Mitglied der ‚progressiven slawischen Familie’.