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Das Imperiale

Das „Imperium“ wird zunächst als ein supranationales politisch-kulturelles Gebilde betrachtet. In seinem 2006 erschienenen und bereits 2007 in einer erweiterten Auflage erschienenen Buch Der Untergang des Imperiums. Lektionen für das heutige Russland (Gibel’ imperii. Uroki dlja sovremennoj Rossii) definiert der Reformpolitiker und Wirtschaftswissenschaftler Egor Gajdar die UdSSR als einen „durch Feldzüge erstellten multiethnischer Staat“ und analysiert die Instabilität der UdSSR der 80er Jahre vor dem Hintergrund der generellen Lebensunfähigkeit autoritärer Imperien. Zugleich stellt er eine im heutigen Russland verbreitete „post-imperiale Nostalgie“ bzw. das „post-imperiale Syndrom“ fest, die er als eine äußert gefährliche Krankheit darstellt und wiederholt mit Gesinnungen in Deutschland im Vorfeld der Machtergreifung der Nazis vergleicht. Der Sozialwissenschaftler führt Argumentationsmuster an, die er mit sachlichen Argumenten zu widerlegen versucht. Die Funktionsweise des Imperialen im Bereich der Symbole und Zeichen bezieht er – durch seine disziplinäre Ausrichtung bedingt – jedoch nicht ein. Grundsätzlich will unser Projekt diesen Schritt nachholen und diese Symbole und Zeichen von Praktiken des ersten Jahrzehnts nach dem Zweiten Weltkrieg herleiten.

Das „Imperiale“ bezieht sich nicht auf einen etwaigen zeitlich begrenzten Neo-Empire-Stil, und nur zum Teil auf den eklektizistischen Stil der späten Stalinzeit in der UdSSR und dessen jeweilige Übertragung auf die Kunst und Architektur der ostmitteleuropäischen Kulturen. Das Feld des Imperialen ist als Mischung aus diskursiven (im engeren sprachlichen Sinne) und nicht-diskursiven Bezeichnungsstrategien zu sehen, die bisher in den Stil- und Motivuntersuchungen zu dieser Epoche wenig beachtet wurde. Diese Bezeichnungsstrategien bilden die Umrahmung von Handlungs- und Bezeichnungs-Praktiken, welche vom Stil her je nach national-kultureller Tradition unterschiedlich sein können. Das Imperium, dessen Spuren aufgelesen werden, wird nicht als Werk-, sondern als Spurenproduzent betrachtet.

Spätestens seit dem Erscheinen des sehr einflussriechen Bandes Empire (Hardt, Michael/Negri, Antonio 2002) steht eine Neudefinition des Imperialen bzw. des Imperiums auf der theoretischen Agenda. Wer wiederum auf den gegenwärtige russische offizielle, offiziöse und öffentliche Diskurse um die politische und kulturelle Selbstbestimmung des Landes blickt, stellt fest, dass „imperskost’“ zu den Schlüsselworten der letzten Jahre gehört. Die Aktualität der Problematik des Imperialen steht also außer Zweifel.

Im Mittelpunkt unseres Interesses stehen Fragen der Repräsentation des Imperialen und als Imperiales. Es wird daher nicht substantialistisch davon ausgegangen, dass es Imperien gibt oder sogar gegeben hat, sondern das Imperiale wird als Repräsentationsstrategie behandelt, und zwar mit besonderem Augenmerk auf die Medialität. Das bedeutet nicht, dass das Faktisch-Historische ausgeblendet werden soll. Im Gegenteil: Exemplarische Epochen und konkretes historisches Material müssen herangezogen werden, um das Imperiale systematisch zu bestimmen. Dies betrifft nicht zuletzt die Verbindung des klassisch-römischen Imperialen mit bestimmten rhetorischen Techniken und Lehrprogrammen (vgl. Quintilians imperiale Rhetorik), aber natürlich auch und vor allem neo-imperiale Repräsentationsstrategien im 20. Jh. innerhalb und außerhalb der ‚Totalitarismen’.